„Asylbewerber fragen mich oft, wann sie ihr Haus und ein Auto bekommen.“

Im folgenden dokumentiere ich einen Beitrag aus der Dachauer Rundschau (DR) vom 28. Oktober 2015. Ich halte das Interview mit Isabell Sittner für ein zeitgeschichtliches Dokument. Leider bietet die Webseite der DR nur ein ein zeitlich begrenzt verfügbares e-Paper, also keinen Permalink.

Bildschirmfoto 2015-10-31 um 17.59.48

Ich bitte DR und Autorin um Entschuldigung dafür, dass ich den Beitrag hier ohne Genehmigung als Abschrift veröffentliche.

Isabell Sittner ist Asylkoordlnatorin im Landratsamt. Mit der Flüchtlingskrise ist sie jeden Tag
konfrontiert. Der DACHAUER RUNDSCHAU erzählt die 32-jährige Juristin über die zunehmenden
Herausforderungen und die Zukunft derAsylbewerberunterbringung im Landkreis.


ISABELL SITTNER
Asylkoordinatorin im
Landratsamt Dachau
DACHAUER RUNDSCHAU


(DR): Frau Sittner, was gehört zu Ihren Aufgaben als
Asylkoordinatorin?

Sittner: Das Aufgabenfeld ist sehr breit. Um nur einige Beispiele zu nennen: die Beschaffung der Grundstücke und Mietobjekte, Taschengeldauszahlung, Kooperation mit den Helferkreisen, Belegung und Ausstattung der Unterkünfte.

DR: Welche von diesen Aufgaben stellt die größte
Herausforderung dar?

Geeignete Grundstücke und Wohnanlagen zu organisieren ist ein Riesenproblem. Obwohl momentan sehr viele Privateigentümer anrufen und Wohnraum anbieten, ist es nicht einfacher geworden. Zum einen, weil wir angesichts der heutigen Füchtlingszahlen auf die größeren Objekte angewiesen sind, zum anderen, weil bei den Vermietern die Vorstellung besteht, wir würden pro Kopf bezahlen. Nach der Vorgabe der Regierung von Oberbayern wird die ortsübliche Miete jedoch pro Quadratmeter gezahlt.

DR: Wie viele neue Unterkünfte werden noch benötigt?

Das kann ich nicht sagen. Die Situation ändert sich ständig. Die Zahlen ebenso. Wenn wir uns vor einigen Wochen auf
1400 Flüchtlingen bis Ende des Jahres eingestellt haben, so müssen wir laut der aktuellen Prognose mit 1900 rechnen.
Wenn wir vor einigen Monaten 30 Zwangszuweisungen pro Woche hatten, so sind es heute 42 wöchentlich.

DR: Haben Sie noch Platz für all die Menschen?

Wir setzen viel hloffnung in die drei Traglufthallen im Landkreis. Diese sind zurzeit die einzige Möglichkeit viele Menschen unterzubringen und so die fehlenden Plätze zu schaffen.

DR: Bei so vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft auf dem engsten Raum ist das
Konfliktpotenzial groß. Die Streitfälle häufen sich bereits. Sind die Hallen wirklich eine
Lösung?

Ich finde, dass 300 Personen in einer Halle eine Herausforderung darstellen. Aber was wäre die Alternative? Wir sind an unsere Grenzen angelangt und müssen diese Möglichkeit in Erwägung ziehen.

DR: Sind Sie der Meinung, es wäre an der Zeit den Flüchtlingsstrom zu begrenzen?

Allein angesichts der Arbeitsbelastung bei uns im Landratsamt wäre ich für eine Begrenzung
dankbar.

DR: Begrüßen Sie das ab dem 1. November in Kraft tretende Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz?

Wir müssen abwarten, ob es praxisnah umsetzbar ist.

DR: Wie schätzen Sie die Chancen ein, tausende Asylbewerbet im Landkreis in die Gesellschaft zu integrieren?

Integration ist ein großes Thema bei uns. Neulich fand im Landratsamt eine Veranstaltung zum Informations- und Ideenaustausch statt: ,“Asyl – was dann?“ Das Fazit für alle lautete: Die Sprache ist der erste Ansatzpunkt für die erfolgreiche Integration.

DR: Gibt es unter den Flüchtlingen einige, die wegen ihrer Ausbildung oder des ausgeübten Berufs im ihrem Land in Deutschland schnell Fuß fassen könnten?
Solchen bin ich kaum begegnet. Viele unter den Flüchtlingen sind Analphabeten, die ihren Geldempfangsschein nur mit einem Kreuzchen unterschreiben. Es erschwert die Kommunikation erheblich. Nur Wenige können Englisch, Französisch oder Deutsch sprechen.

DR: Was fehlt den Asylbewerbem am meisten?

Die Information und Aufklärung. Ich stellte fest, dass die Meisten mit völlig unrealistischen Vorstellungen und Erwartungen hierher kommen. Sie fragen mich oft: „Wann bekomme ich mein Haus und mein Auto?“ Diese fälschlichen Vorstellungen, die vor allem durch die Schlepper vermittelt wurden, gilt es erst einmal abzuschwächen und ihnen zu erklären, wie das ganze Prozedere vonstatten geht.

DR: Gehen Ihnen die Schicksale der Menschen nahe, denen sie dort begegnen ?

Ja, sehr oft. Vor kurzem lernte ich eine Frau mit zwei kleinen Töchtern kennen. Sie wurde mit ihnen nach Tegernsee verlegt. Die Mutter war durch die anstehende Reise so verunsichert, dass ihr die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben war. Ich habe noch tagelang an sie gedacht mit der Hoffnung, dass sie mit ihren Mädchen dort gut angekommen ist.

DR: Nehmen Sie also viele Erlebnisse mit nach Hause?

Ja. Um abends abzuschalten, erzähle ich zunächst die Tagesereignisse meinem Partner, dann gehe ich mit dem
Hund nach draußen, um an der frischen Luft den Kopf frei zu bekommen.

DR: Sie sind ausgebildete Juristin. Haben Sie Ihre Berufskarriere bewusst in Richtung Asyl eingeschlagen ?

Ich habe mich bewusst für den öffentlichen Dienst entschieden und mein juristischer Hintergrund ist im Bereich Asyl sehr hilfreich, da man mit vielen juristischen Themen zu tun hat.

DR: Die Stelle derAsylkoordinatorin bedeutet eine starke Arbeitsbelastung mit hohem emotionalem Faktor. Bereuen Sie Ihre Entscheidung nicht?

Nein. Es macht mir trotz allem viel Spaß. Asyl ist keine Tätigkeit, die man nebenbei macht. Man kann sich nur mit Herzblut engagieren.

Interview: Yulia Gelis

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